Stories - Der Fall der Elfenbeintürme

Der Fall der Elfenbeintürme

Es war einmal, vor gar nicht allzu langer Zeit ein sehr junger König. Er besaß ein kleines Reich, gar nicht so weit fort von hier. Dort gab es helle, schöne Stellen der Freude, aber auch dunkle, traurige Stellen voller Sehnsucht. Und da der junge König oft durch sein Reich ritt, weil er allein war, kannte er fast jeden Winkel. Es betrübte ihn, durch die Orte der Sehnsucht zu reiten, wurde doch sein Herz jedes Mal schwer und füllten sich seine Augen mit Tränen. Hatte er diese Stellen hinter sich gelassen, so war sein Herz nicht recht frei für die schönen Stellen, und das machte ihn sehr unglücklich.

Der junge König hatte sich deshalb mehrere Elfenbeintürme gebaut, wunderschöne, leuchtende Prachtbauten, die wie große Säulen den Himmel, der sein Reich überspannte, zu tragen schienen. Jeder dieser Türme barg großen Reichtum in sich, den der König in jahrelanger Suche und Mühe zusammengetragen hatte. Die Türme waren so über das Land verteilt, dass er sie bequem erreichen konnte, wenn sein Herz traurig und seine Seele verletzt war. Hatte er einen Ort der Traurigkeit durchquert, so bestieg er einen Elfenbeinturm, um sich dort abzulenken und zu versinken, seine Gedanken wurden zauberhaft beflügelt und bereisten ferne Länder, von wo sie Balsam für seine Seele mitbrachten.

Einer dieser Türme barg eine große Vielzahl an Pflanzen, kleine, unscheinbare Gräser ebenso wie große, stattliche Bäume. Der junge König kannte sie alle genau. Er wusste, wo sich die kleine Eibe befand, wusste, um wie viel sich das Efeu vorgeschoben hatte und konnte die Triebe des Holunderbusches nach Jahren benennen. Alle diese Lebewesen waren seine Freunde; bei ihnen verbrachte er oft Stunden nur damit, sie anzusehen, sich an ihrem Wachstum zu erfreuen und stumm mit ihnen zu reden. Manchmal streichelte er einen Zweig oder ein Blatt, und er war sich sicher, dass das Grün dann noch intensiver leuchtete.

In einem ganz anderen Teil seines Reiches stand ein weiterer Elfenbeinturm. In diesem befanden sich riesige Bestände an Briefen, die irgendwann einmal an irgendwen geschrieben worden waren. Längst hatten Schreiber und Adressat vergessen, dass dieser Brief einmal durch ihre Hände gegangen war. Aber der junge König bewahrte sie auf. Ihn interessierte besonders, von wem diese Briefe stammten, denn jeder Briefschreiber musste zur damaligen Zeit einen Abdruck auf dem Umschlag hinterlassen, der bewies, dass er auch die Taxe entrichtet hatte.

Diese Abdrucke hatten es dem König angetan. Ihre Vielfalt war so groß, dass er mächtige Schränke aufstellen musste, um alle Stücke unterbringen zu können. Es war ein mächtiger Turm! Regelmäßig ließ er anspannen, um das Land zu durchstreifen und neue Briefe zu bekommen. Diese trug er in den Turm, um voller Spannung die neuen Abdrucke zu betrachten. Da gab es Abbildungen von Kutschen, schönen Ratshäusern, Seen, Bäume, von Tieren und Dingen. Alle diese Briefe ordnete er fein säuberlich in Kisten und erstellte Listen, um schöne Briefe schneller wiederfinden zu können. Stundenlang hockte er davor und sortierte, betrachtete und schrieb. Und wenn er nicht ein Grummeln in seinem Bauch gehört hätte, hätte er wohl auch Tage in diesem Elfenbeinturm verbracht. Es war wie Meditation, wenn er alles um sich herum vergaß und sein Kopf nur noch von einer Sorte Gedanken erfüllt war. Der König war stolz auf sein Wissen, das er sich in all den Jahren angeeignet hatte. Keiner, den er kannte, konnte ihn dort an Weisheit überbieten.

Nun begab es sich, dass des Königs Geschäfte ihn in einen anderen Winkel seines Reiches führten. Von dort aus hatte er größere Mühe, zu seinem Pflanzenturm zu gelangen. Anfänglich nahm er diese Mühen auf sich, doch durch die lange Reise hatte er weniger Zeit, seine Freunde zu pflegen. Als seine Besuche immer spärlicher wurden merkte er, dass sein Elfenbeinturm nicht mehr so glänzte wie zu früheren Zeiten. Hier und da sah er sogar schon Risse. Er merkte aber auch, dass er auch die Pflanzen des anderen Winkels zu seinen Freunden machen konnte. Ja, sogar wildfremde Bäume und Büsche konnte er begrüßen und mit ihnen vertraut werden.

Der junge König begann, sich langsam von seinem Pflanzenturm zu lösen. Seine Freunde, die Pflanzen, grollten ihm nicht. Sie wussten, dass es eine Zeit gegeben hatte, wo er sie gebraucht hatte und dass diese Zeit zu Ende ging. Langsam begann der Turm zu bröckeln, bis er eines Tages ganz verschwunden sein sollte.

Aber auch der andere Elfenbeinturm, der Turm der Briefe, war nicht mehr derselbe. Hatte er noch vor kurzem ohne Mühe die neuen Briefe sortieren können, so wurde es ihm zusehends zur Last. Längst gab es große Stapel, die unbearbeitet dastanden, und er war sich nicht sicher, alle zur Gänze bearbeiten zu können. So schwand allmählich die sorglose Freude und meditative Entspannung, und es nahmen Mühe und Arbeit ihre Plätze ein. Da merkte der junge König, dass auch dieser große und mächtige Turm ihm nicht mehr lange eine Bastion würde sein können. Und er beschloß, auch diesen Elfenbeinturm, diesen Zufluchtsort, wo er sicher vor der Welt war, langsam aufzugeben.

Was aber gab ihm Ersatz für den Verlust, den er erlitt? Die Zeit und das Leben! Gab ihm doch die Zeit nun viel Raum, Neues zu entdecken. Der junge König bemerkte plötzlich, dass da noch andere Länder waren, die seines umgaben. Er beritt alle seine Grenzen und besuchte bald dieses, bald jenes Land. Er lernte neue Menschen kennen, gewann wertvolle Einblicke in andere Sichtweisen, viel wertvoller als alles, was je in seinen Türmen gewesen war. Er genoß die Zeit, die ihn beschenkte und das Leben, von dem er immer neue Dinge forderte.

Und das Leben gab sie ihm. Das Leben, der unendliche Speicher von Erfahrung und Wachstum, hatte nur auf ihn gewartet. Das einzige, was er tun musste, war gehen. Gehen und alles, was ihn zuhause band, aufgeben. Dann war er frei.

Nicht alle Elfenbeintürme werden fallen. Aber je weniger Zufluchtsstätten er benötigte, desto mehr Raum hatte er, die Baumeisterin dieser Türme zu besiegen. Die Baumeisterin, die da heißt: Sehnsucht.

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