Stories - Die verschwundene Sechzig

Die verschwundene Sechzig

Es war einmal…vor gar nicht allzulanger Zeit ein Hauptkommissar. Der saß wie jeden Freitagnachmittag in seinem Büro und brütete über der Akte, auf der “Wochenende” stand. In diesen Ordner pflegte er immer den langen Einkaufszettel seiner Frau zu legen, den er auf dem Nachhauseweg abarbeiten würde. Doch heute sollte alles anders kommen.

Das Telefon läutete.

“Jaaaa?” fragte er gedehnt.

Der Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung schien sehr aufgeregt.

“Chef, Sie müssen sofort in den Besprechnungsraum kommen. Das…, das glauben Sie nicht!”

Mit einem Seufzer legte der Hauptkommissar auf. Das hatte ihm gerade noch gefehlt! Er sah seinen Feierabend schon dahinschwimmen.

Ein paar Minuten später weiteten sich seine Augen in ungläubigem Erstaunen.

“Was ist ihm gestohlen worden?” wiederholte er.

“Sehen Sie, ich wußte, daß sie mir nicht glauben würden!” erklärte ein älterer Mann, der an einem Schreibtisch saß, um den sich mehrere Kollegen des Hauptkommissars gruppiert hatten, teils ebenso ungläubig, teils in höchstem Maße amüsiert. Der Mann stellte sich als Herr Eichhof vor, war 59 Jahre alt und von untersetzter Statur. Sein Haar hatte sich schon beträchtlich gelichtet und die ursprüngliche blonde Farbe wich einem hellen Grau.

“Es ist so, wie ich es Ihnen gesagt habe!” beharrte er. “Ich feiere nächste Woche meinen 60. Geburtstag. Daher wollte ich heute meine Rentenansprüche geltend machen. Doch die Bürokraten vom Amt wollen mir weismachen, daß ich erst 59 Jahre alt werde! Die spinnen doch! Die haben wohl nicht mehr alle…”

“Moment!” unterbrach ihn der Hauptkommissar, bevor sich das Schimpfgewitter noch weiter steigern konnte. “Sie behaupten also, daß Sie 60 Jahre alt werden, während die Behörden sagen, daß Sie erst 59 werden?”

“Genauso ist es!” bestätigte Herr Eichhof.

“Zeigen Sie mir mal Ihren Personalausweis,” forderte der Hauptkommissar.

“Da habe ich auch schon nachgeschaut,” erklärte Herr Eichhof, als er dem Hauptkommissar den Ausweis reichte, “aber den muß jemand ausgetauscht haben. Das ist nicht meiner. Der ist viel zu neu.”

Prüfend betrachtete der Hauptkommissar das Dokument. Alles schien perfekt - Lichtbild, Bundesadler, die Riffelung auf dem Plastik, das Gültigkeitsdatum. Und doch - der Mann hatte recht. Dieser Ausweis fühlte sich neu an, wie eben ausgegeben. Er schaute auf das Ausgabedatum. Dieser Ausweis war vor 17 Jahren ausgegeben worden. Dann sah er auf das Geburtsdatum - 19. Mai 1938. In der Tat würde dieser Mann in wenigen Tagen 59 Jahre alt werden.

“Haben Sie noch…” begann der Hauptkommissar, als er sah, daß ihm Herr Eichhof bereits weitere Dokumente reichte. Allesamt zeigten dasselbe Geburtsdatum. Aber alle machten auch diesen unerklärbaren neuen Eindruck.

Der Hauptkommissar beschloß, zu versuchen, sein Wochenende zu retten.

“Diese Dokumente werden erstmal von einem Gutachter geprüft” verkündete er mit wichtigem Blick. “Nächste Woche werden wir dann mehr wissen.”

“Aber Sie können mir doch helfen, ja?” flehte Herr Eichhof. “Bitte, finden Sie mein verschwundenes Jahr!”

Diese Worte gingen dem Hauptkommissar noch lange im Kopf herum. Er hatte in seinen langen Dienstjahren ja schon allerhand erlebt, aber ein verschwundenes Jahr war ihm noch nie untergekommen. Wo gab’s denn so was? Und überhaupt: Konnten Jahre so mirnichts dirnichts einfach verschwinden? Hatte der Mann gefälschte Dokumente beigebracht? Oder war er Opfer eines üblen Steiches geworden? Aber wenn er nun Recht hatte? War er etwa in eine Art Zeitloch gefallen? Oder gar von Außerirdischen ein Jahr lang entführt und zu früh wieder abgesetzt worden? Der Hauptkommissar schüttelte seine Gedanken von sich fort. Wahrscheinlich war er einfach nur wieder ein armer Spinner, der sich wichtig machen wollte.

Am Samstagnachmittag hatte er den Fall schon wieder vergessen. Er freute sich auf die Feier seines eigenen Geburtstages. Endlich würde er seine Verwandten wiedersehen, die sich inzwischen über das gesamte Land verteilt hatten. Die meisten würden daher über Nacht bleiben und mit ihm ein gemütliches Sonntagsfrühstück zelebrieren. Er hatte für alles vorgesort, schließlich wurde er nur einmal Sechzig.

In der Küche war es ruhig. Seine Frau war schnell noch die letzten Besorgungen einkaufen gegangen und seine beiden Kinder machten sich gerade im Hotel frisch. Neugierig spähte er hinein, sog den intensiven Duft der Geburtstagstorte ein und stellte sich vor, wie er sie anschneiden würde. Plötzlich stutzte er. Dann näherte er sich der Torte, las und blieb mit offenem Mund stehen. Auf seiner Jubiläumstorte prangte eine falsche Zahl! Die lasierten Erdbeeren waren nicht von einer in zartrosa Sahne geschäumten “60” verziert worden, sondern es stand eine “61” auf der Torte! Fassungslos starrte er sie an. Bestimmt wollte ihm seine Frau einen Streich spielen, oder die Kinder, oder….

Eine vage Erinnerung stieg in ihm auf, machte sich in seinem Kopf breit und ließ ihn in kalten Schweiß ausbrechen. Hastig zog er seine Brieftasche aus der Hose und riß seinen Personalausweis heraus. Fast hätte er sich an den Plastikkanten verletzt, die so scharf waren, als ob man den Ausweis eben erst ausgestanzt hätte. Und dort stand, unter “Geburtstag” - er konnte es nicht glauben - “19. Mai 1936”! Er war ein Jahr zu alt! Mann hatte ihm ein Jahr zuviel untergejubelt! Eilig stürmte er zu seinem Arbeitszimmer, um das Familienstammbuch und seine Geburtsurkunde hervorzuholen. Doch an der Biegung des Flurs verlor er den Halt, taumelte und stürzte kopfüber zu Boden. Um ihn herum wurde es dunkel.

Als er wieder aufwachte, lag er in seinem Bett. Vorsichtig betastete er seinen Kopf, doch es hatte sich keine Beule gebildet. Er schwang sich aus dem Bett heraus, verwundert, daß er seinen Schlafanzug anhatte. Bestimmt hatte ihn seine Frau gefunden und zu Bett gebracht. In der Küche roch es noch immer nach Torte, wenn auch etwas anders. Seine Frau kontrollierte gerade den Backofen.

“Guten Morgen, na, endlich ausgeschlafen?” rief sie fröhlich.

“Wo ist die Torte?” fragte der Hauptkommissar.

“Im Ofen, sie braucht noch eine Weile.” erwiderte seine Frau stolz.

“Sie ist noch nicht verziert?” fragte der Hauptkommissar.

“Hast Du schon mal eine Torte nach dem verzieren in den Backofen getan?” fragte seine Frau ärgerlich.

Der Kommissar kratzte sich am Kopf. Plötzlich rannte er ins Schlafzimmer zurück, suchte, fand und griff seine Hose und zog seinen Personalausweis hervor. “19. Mai 1937”. Er seufzte tief und erleichtert. Es war also alles nur ein Traum gewesen. Nun konnte er sich in aller Ruhe auf seinen 60. Geburtstag freuen, mit seinen Freunden und Verwandten zusammen feiern und ihre Nähe genießen.

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