Die Vier Elemente

Die vier Elemente

Als ich am Morgen erwachte, wußte ich, daß es Herbst geworden war. Mir war klamm, und alles war taubesetzt, tausend kleine Perlen, die bald in der Morgensonne glänzen würden. Gerade, als ich mich zu putzen begann, hörte ich eine Stimme.

“Guten Morgen!” rief sie mir zu.

“Wo bist Du?” fragte ich zurück.

“Hier, gleich neben Deinem Nest.” Dort sah ich einen Tautropfen sitzen, der erwartungsvoll funkelte.

“Soll ich Dir von mir erzählen?” fragte er.

Ich hörte auf, darüber nachzudenken, warum er sprechen konnte und willigte ein. Da begann er von den Leben zu berichten, die er schon gelebt hatte. Wie er in einer Wolke geboren wurde, als Sommerregen in einer Wiese sanft gelandet war und mit vielen seinesgleichen im Bach gespielt hatte. Voller Spannung und Dramatik schilderte er den Wasserfall, den er hinuntergetobt war, erzählte vom ruhigen See und salzigen Meer.

Oh ja! Das wollte ich auch ausprobieren! Ich bedankte mich bei ihm und schwang mich hoch hinauf in den kühlen Morgenhimmel. Und als die Sonne begann, die Landschaft golden zu bemalen, erlebte ich die Welt des Tautropfens. Sanft glitt ich einige Meter hinab, stieg wieder au, um Loopings zu drehen und mit virtuellen Spielkameraden um die Wette zu fliegen. Hoch und immer höher stieg ich auf, um dann ganz plötzlich hinabzuschießen und hunderte von Metern weiter unten erst in eine Gleitbewegung überzugehen. Ich jubelte vor Vergnügen. Dann erinnerte ich mich an die letzten Worte des Tautropfens: das Meer. Das Meer! Ich wollte auch zum Meer! So flog ich los.

Das Meer begrüßte mich wie eine Schale goldener Flüssigkeit. Die Sonne stand tief und versank gerade hinter dem Horizont. Müde ließ ich mich am Strand nieder, um auszuruhen.

“Guten Abend,” wurde ich begrüßt. “Du bist sicher müde, was?”

Nicht weit von mir entfernt glimmte es, und von dort war auch die Stimme gekommen.

“Wer bist Du?” fragte ich.

“Ich bin eine Glut,” erwiderte es. “Heute nachmittag war ich noch ein Grillfeuer.”

Und die Glut begann mir zu erzählen, wie sie auf den Holzscheiten getanzt und die Arme hochgeworfen hatte. Sie hatte die Flammen züngeln lassen, immer wieder neue Farben entworfen und für jeden Holzscheit ein anderes Kleid getragen.

Wie schön! Das wollte ich auch ausprobieren! Ich bedankte mich bei der Glut und begann, am Ufer des Meeres einen Flammentanz zu tanzen, drehte mich, schwang meine Flügel hoch und stellte mir alle Farben vor, bis ich erschöpft niedersank und einschlief.

Am nächsten Morgen machte ich mich auf den Rückflug. Unterwegs legte ich auf einem Acker eine Pause ein und fing mir etwas zu fressen. Plötzlich meinte ich, Gewisper zu hören. Ich lauschte angestrengt. Tatsächlich, direkt unter mir hörte ich Getuschel.

“Wer seid ihr?” rief ich zur Erde. Das Tuscheln verstummte.

“Wir sind Samenkörner in der Erde,” kam es zur Antwort.

“Was macht ihr dort unten?” fragte ich.

Und sie begannen davon zu erzählen, was sie noch erwarten würde. Wie sie den harten Winter in der schützenden Hand der Erde verbringen würden, bevor sie im Frühjahr die Erde durchbrechen würden. Hohe grüne Pflanzen würden sie werden, mit leuchtenden Blüten in den herrlichsten Farben, die sie voller Stolz jeden Morgen entfalten würden.

Oh ja! Das wollte ich auch ausprobieren! Ich bedankte mich bei den Samenkörnern und stellte mir vor, von tief in der Erde hinaufzusteigen, größer und größer zu werden, Knospen zu bilden und sie voller Stolz den anderen Tieren und Pflanzen zeigen zu können. Wie toll ich mich fühlte! Ich war der Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit.

Eine leise Sehnsucht in mir trieb mich langsam zurück. Zurück zu meinem Nest, zu der mir vertrauten Umgebung. Und am Ende dieses Tages sank ich müde aber glücklich in meine Nest. Ich war Tautropfen gewesen, hatte das Feuer getanzt und die Macht der Erde gefühlt. Am liebsten aber fühlte ich mich hier oben, in den Strömungen der Luft, wo auch immer sie mich hinführen würden.

Die Vier Elemente

Random poem:
Flammenweide