Stories - Was macht der Nikolaus auf der Toilette?

Was macht der Nikolaus auf der Toilette?

Wie jedes Jahr bin ich als Nikolaus im Dienste der Gemeinde unterwegs. Mein “Knecht Rupprecht” hat mich gerade in seinem komfortablen roten Schlitten mit den drei Buchstaben vor Haus Nummer 95 abgesetzt. Es ist der vierte Stop des Abends, und noch sechs weitere sollen folgen.

Die Uhr zeigt zwanzig vor fünf, für fünf Uhr war ich bestellt worden. Aber jede Familie hatte die Information erhalten, daß sich der Nikolaus eine Viertelstunde früher oder später einstellen könnte damit Luft für den Verkehr und die Dauer der Besuche vorher bliebe. Ich setze mir meine Bischofsmütze auf, klemme mein “Goldenes Buch” mit den guten und schlechten Taten der Kinder unter den Arm und fasse Stab und Sack. Dann drücke ich auf die Klingel.

Durch die Milchglasscheibe der Wohnungstür kann ich erkennen, daß jemand mit einem kleinen Kind auf dem Arm zur Türe kommt. Wie unvorsichtig! Ich muß doch noch die Geschenke, die meist im Flur bereit stehen, in meinen Sack tun. Das dürfen die Kinder auf keinen Fall mitbekommen, auch wenn sie noch klein sind.

Die Tür öffnet sich, und vor mir steht der Familienvater. Ich schaue ihn an, dann das Kind. Das Kind schaut mich an und fängt unvermittelt an, wie am Spieß zu schreien. Man könnte meinen, ich sähe aus wie Krampus selbst, der gerade die Katze der Familie zu verspeisen beginnt, so schreit es. Der Vater ist nicht mehr Herr der Situation. “Viel zu früh…” stammelt er verwirrt, sein Blick zwischen dem Kind und mir hin und her pendelnd. Was soll er tun? Vor ihm ein Nikolaus, der herein möchte, aber noch nicht darf, auf seinem Arm ein wie entsetzt schreiendes Kind und rings umher die Kälte des Nikolausabends und die latente Gefahr von aufmerksam werdenden Nachbarn und Passanten.

Schließlich eilt er ins Innere der Wohnung, und nach einer Weile taucht seine Frau auf. Mit weiblicher Intuition bekommt sie die Situation in den Griff. Kurz und knapp klärt sie mich auf, daß sie noch auf ein weiteres Kind warten müssen, bevor ich in Aktion treten kann. Natürlich kann ich nicht draußen warten. Sie überlegt kurz, dann öffnet sie die Tür zu einer kleinen Toilette gleich neben dem Flur. “Es tut mir ja leid, aber…” versucht sie sich zu erklären. Verlegen schließt sie den Deckel des Klos und spült nocheinmal. Dann stehe ich in einer winzigen Toilette, ein vollausgerüsteter Nikolaus, noch ganz verblüfft.

So etwas ist mir in meiner Karriere noch nie passiert. Ich setze mich auf die einzige Sitzgelegenheit im Raum und betrachte meine nähere Umgebung, gleichzeitig auf die Geräusche vom Flur lauschend, die gedämpft an mein Ohr dringen. Von meiner Position aus kann ich gerade noch das obere Ende der Bischofsmütze im Spiegel an der Wand sehen. “Bischof Nikolaus auf dem Klo eingesperrt!” Wenn das im Himmel bekannt würde! Ich durfte gar nicht daran denken. Sicherheitshalber hatte ich die Tür verschlossen, damit der erwartete Besuch mich nicht in noch peinlichere Situationen bringen konnte. Nun saß ich da und lauschte.

Mitten im Studium des Seifenspenders höre ich Geräusche auf dem Flur. Menschen ziehen ihre Mäntel aus, jemand stößt gegen die Toilettentür, Stimmen. Dann schließlich die Stimme der Mutter: “Jetzt sind alle da!”, was eindeutig für mich bestimmt ist. Ich warte noch eine kurze Weile, dann öffne ich vorsichtig die Tür und spähe hinaus. Der Flur ist dunkel. Aus dem Wohnzimmer dringt Gesang: “Lustig, lustig, traleralerla, heut’ ist Nikolausabend da, heut’ ist Nikolausabend da!...” Auf dem Boden stehen die Geschenke. Ich lege mein Goldenes Buch auf dem Kinderwagen ab, und erschrecke kurz, als dieser zu seufzen beginnt. Noch ein kleines Kind! Schließlich habe ich alle Gaben in meinem Sack verstaut.

Ich warte das Ende der Strophe ab, dann klopfe ich mit meinem Stab energisch gegen die Flurtüre und öffne sie. Im Wohnzimmer empfangen mich neugierige große Kinderaugen und wissende zerknirschte Erwachsenenaugen. Das kleine Kind, das vorhin noch wie am Spieß geschrien hatte, wagt im Schutz von Mutters Arm wieder einen Blick. Sie sind bereit für meine Arbeit.

Als ich mich verabschiede, entschuldigt sich die Mutter nochmal bei mir. “Ist schon gut,” brumme ich, denn ich habe Stoff für Erzählungen gewonnen. Als ich wieder in die Kälte des Winterabends hinaustrete habe ich mir fest vorgenommen, dem Christkind von dieser Familie zu erzählen. Ich muß es warnen, daß es ja nicht zu früh kommt, denn wer weiß wohin sie es schicken würden, bis wieder alle versammelt sind?

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